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Donald Trump ist Chinas größter Trumpf

12. Mai 2026 by Stephan-Götz Richter

Erschienen in WirtschaftsWoche (URL)

Chinas Subventionen? Der erzwungene Know-how-Transfer? Die Seidenstraßen-Initiative? Nichts davon hat den Zusammenhalt des Westens so nachhaltig untergraben wie der US-Präsident.

Kein Zweifel: Um den vielen Herausforderungen zu begegnen, die Chinas hyperstrategisches Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung, Technologieführerschaft und politischer Macht mit sich bringen, besteht im Westen zweifellos ein großer Bedarf an Koordinierung. Nur sollte niemand glauben, dass dieses Thema auf der Agenda des Trump-Xi-Gipfels in Peking stehen wird.

Führende Wirtschaftsexperten in Washington werfen China vor, seit gut zwei Jahrzehnten einen aggressiven „Innovationsmerkantilismus“ zu betreiben: Die Kader, so der Befund, forcierten mit allen Mitteln ihr Bestreben, globale Marktanteile in einer Vielzahl von fortschrittlichen Industriezweigen zu erobern, die für die Maximierung von Chinas Macht entscheidend sind.

Die offensichtliche Herausforderung, nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für den gesamten Westen, besteht darin, Chinas Vormarsch zur Dominanz in den Hochtechnologiebranchen zu bremsen.

In diesem Zusammenhang liefert der „Critical Technology Tracker“ des Australian Strategic Policy Institute seit einigen Jahren schockierende Informationen. Bei 69 der 74 der von ihm beobachteten Technologien hat China die Führungsposition in der Forschung übernommen. In seiner jüngsten Ausgabe, die Ende März 2026 veröffentlicht wurde, stellt das Institut sogar fest, dass China in immer mehr Bereichen eine Monopolstellung einnimmt.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, haben die Analysten der Information Technology and Innovation Foundation (ITIF) einen gut durchdachten Report mit mehr als 100 (!) Handlungsempfehlungen für die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten vorgelegt.

Zu den Vorschlägen der ITIF gehören etwa die Einrichtung eines modernen multilateralen Exportkontrollregimes nach dem Vorbild des COCOM aus der Zeit des Kalten Krieges und ein entschlossenes Vorgehen gegen den Wissenserwerb Chinas an westlichen Universitäten und in staatlichen Forschungslabors. Außerdem wird die Entwicklung koordinierter Strategien der Verbündeten empfohlen, um chinesischen Unternehmen, die in Drittmärkten tätig sind, entgegenzuwirken. Man wirbt für Beschränkungen des chinesischen Zugangs zu westlichen Kapitalmärkten sowie für die Entwicklung gemeinsamer Rahmenwerke, um Chinas Innovationsmerkantilismus in den Volkswirtschaften der Verbündeten zu bekämpfen.

Bei alledem bleibt allerdings das Haupthindernis unangesprochen. Das gesamte Konzept beruht ja auf einer Voraussetzung, die nicht mehr Gegenwart ist – einer kooperativen, glaubwürdigen, in sich kohärenten Form der amerikanischen Führung, die das eigene Land und dessen Verbündete in eine gemeinsame Richtung lenkt.

Diese wesentliche Voraussetzung wurde systematisch ausgehöhlt. Nicht von Peking. Sondern von einem einzigen Mann in Washington.

Kein Gefangenendilemma

Als Zeichen der zunehmend royalistischen Zeiten, die das heutige Washington prägen, klammert der ITIF-Bericht diese Realität komplett aus. Stattdessen wird der Versuch unternommen, die mangelnde westliche Koordination als Folge des aus der Spieltheorie bekannten Gefangenendilemmas zu beschreiben.

Auf den Wettbewerb mit China angewendet, bedeutet das, dass kein einzelner nationalstaatlicher Akteur oder keine einzelne Region bereit ist, gemeinsam zu handeln, da sie zu ihrem eigenen Vorteil darauf bedacht ist, eigene Abkommen mit Peking zu schließen.

Diese Einschätzung enthält ein Körnchen Wahrheit. Zweifellos wäre eine kollektiv abgestimmte Vorgehensweise für alle westlichen Nationen besser. Doch die aktuellen Missstände auf das Gefangenendilemma zu stützen, ist grotesk. Denn der Hauptgrund für den Mangel an Zusammenhalt im Westen hat einen Namen: Donald Trump.

Der US-Präsident hat im Alleingang beschlossen, jegliche Vorstellung von westlicher Zusammenarbeit (außer auf der Grundlage einer totalen Unterwerfung unter die Vereinigten Staaten) zu zerstören. Während einst die Glaubwürdigkeit Amerikas genügend politische Anziehungskraft hatte, um gleich gesinnte Demokratien in derselben Umlaufbahn zu halten, ist dies unter Trump passé.

Zu allem Überfluss beschäftigt sich Trump fortlaufend damit, bilaterale Abkommen mit China auszuhandeln, was er offensichtlich als exklusives Privileg seiner Regierung betrachtet. Damit untergräbt er selbst den zartesten Anflug von westlicher Zusammenarbeit weiter.

Man kann China für viel verantwortlich machen, aber dieses Ergebnis hat das Land nicht herbeigeführt. Trumps Zollkampagnen, einst als Reaktion auf den chinesischen Merkantilismus präsentiert, hat sich in der Praxis ins genaue Gegenteil verkehrt. Sie zielen in erster Linie auf die Verbündeten der USA. Auf diese Weise hat Trump die Botschaft gesendet, dass die Vereinigten Staaten ihren Freunden noch feindseliger gegenüberstehen als vielen ihrer langjährigen Gegner.

Den Motor des Fortschritts abwürgen

Wenn die Handelspolitik die externe Koalition der USA gesprengt hat, so hat Trumps Wissenschafts- und Forschungspolitik den internen Zusammenhalt ausgehöhlt. Insbesondere im Kontext des Wettbewerbs mit China verfolgt der US-Präsident einen äußerst destruktiven, innenpolitischen Angriff auf die staatliche Forschungsfinanzierung, akademische Einrichtungen und die gesamte US-Wissenschaft.

Damit erreicht er das genaue Gegenteil dessen, was erforderlich wäre, um China einzudämmen. Jede gestrichene Förderung, jeder aus dem Land gewiesene Forscher, jedes eingestellte Laborprogramm ist ein kleines strategisches Geschenk an Peking, das keine Spionage, keinen Technologietransfer, keine sonstige Einflussnahme erfordert. Es ist eine Selbstverstümmelungsmaßnahme, die die USA sich selbst zufügen.

Donald Trump, der lebenslange Einzelgänger, hat Allianzen stets eher als Belastung denn als Gewinn betrachtet. Wir sehen die Folgen in Echtzeit, zum Beispiel in den jüngsten Schritten Kanadas, Frankreichs und Großbritanniens, sich Peking anzudienen, anstatt prinzipientreu zu handeln.

Das hat nichts mit Gefangenendilemma und wenig mit Feigheit zu tun. Es ist eine rationale Reaktion auf eine US-Regierung, die durch Worte und Taten deutlich gemacht hat, dass ihr Verbündete egal sind.

Westliche Regierungen würden nicht nur ihre eigenen Wählerschaften im Stich lassen, wenn sie die Kosten von Trumps Unilateralismus trügen – und sich noch dazu auf sein Konzept des erpresserischen Imperialismus einlassen würden.

Was Donald Trump nicht begreifen kann – und was diejenigen in seinem Umfeld, die die Folgen seines Handelns sehr wohl verstehen, aus Feigheit aber nicht zu sagen wagen –, sind die Folgen seiner imperialistischen Haltung. Sie verschafft China die strategische Position, den Westen mühelos auseinanderzunehmen.

Fazit

Keine chinesische Einflussnahme, keine „Belt and Road“-Investition, kein Lehrplan der Konfuzius-Institute und kein Technologietransfer hat der Wettbewerbsfähigkeit und dem Zusammenhalt des Westens mit Blick auf China so viel Schaden zugefügt wie der 47. Präsident der Vereinigten Staaten.

Nur wenn die USA in der Lage sind, eine Koalition anzuführen, multilaterale Verpflichtungen einzuhalten, kontinuierlich in ihre eigene Forschungsbasis zu investieren und die Beziehungen zu Verbündeten als strategischen Vermögenswert zu behandeln, bestünde wieder eine Grundlage für eine kluge China-Politik.

Bis es soweit ist, ist Trump vor allem als Trumpf der Kommunistischen Partei Chinas zu verstehen, vielleicht mehr noch als Xi Jinpings russischer Busenfreund Wladimir Putin. Es ist beschämend, dass selbst einige der smartesten Handelsstrategen in Washington nicht mehr wagen, dem „Thron“ die Wahrheit zu sagen. Ihr Schweigen zum Trump-Faktor macht ihre Bemühungen um eine stimmige China-Politik des Westens weitgehend zu einer Alibimaßnahme.

Kategorie: In Print/Online Stichworte: China, Donald Trump, USA, Wirtschaftswoche, Xi Jinping

Stephan-Götz Richter

Stephan-Götz Richter ist Herausgeber und Chefredakteur von „The Globalist“, einem Online-Magazin für globale Ökonomie, Politik und Kultur.

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